Flynn trägt immer noch seine Brille.
Sie steht für Sorgerecht.
Offiziell für gemeinsames.
Inoffiziell – aber wir sind ja unter uns – für alleiniges.
Das sagt Flynn natürlich nicht laut.
Er sagt stattdessen Dinge wie:
„Ich will nur Verantwortung übernehmen.“
Oder: „Mir geht es ausschließlich ums Kindeswohl.“
Das ist praktisch.
Denn Kindeswohl ist im Familienrecht das Schweizer Taschenmesser.
Man kann damit alles schneiden.
Auch den anderen Elternteil. Auch sich selbst.
Zwei Schilde, zwei Schwerter, ein Schlachtfeld.
Flynn steht nicht allein im Feld.
Die Mutter hat ebenfalls einen Schild.
Auch sie schreibt Briefe.
Auch sie sammelt Vorwürfe wie Panini-Sticker.
Parallelität ist das Zauberwort.
Oder wie man es im Fachjargon nennt: gegenseitige Eskalation bei maximaler moralischer Überlegenheit.
Beide Eltern reden nicht mehr über das Kind,
sondern mit dem System über den jeweils anderen.
Und beide merken nicht,
dass sie längst nicht mehr kämpfen,
sondern dokumentieren.
Die große Briefeschreib-Olympiade.
Jetzt kommen sie.
Die Briefe.
Viele Briefe.
Sehr lange Briefe.
Briefe mit Behauptungen ohne Belege,
aber mit ordentlich Fußnoten-Feeling.
„Die Mutter ist emotional instabil.“
„Der Vater ist kontrollierend.“
„Ich habe gehört, dass…“
„Es wurde mir zugetragen, dass…“
Beweise?
Ach bitte.
Wir sind hier doch nicht vor Gericht.
Moment.
Doch. Genau da sind wir.
Und während beide Eltern sich gegenseitig schlechtreden,
wird das Kind zum Nebensatz.
Zum Anhang.
Zur Begründung.
Flynn will nicht teilen. Er will gewinnen.
Insgeheim will Flynn nicht Kooperation.
Er will Kontrolle.
Nicht, weil er böse ist.
Sondern weil er Angst hat.
Er hat die Mutter „im Visier“.
Nicht mit Hass.
Mit Fürsorge-Rhetorik.
Das ist viel eleganter.
Und viel gefährlicher.
Denn wer behauptet, zum Schutz des Kindes zu handeln,
kann erstaunlich viel zerstören,
ohne sich je schuldig zu fühlen.
Das System hört zu. Und wird müde.
Jugendamt.
Richter.
Verfahrensbeistand.
Alle hören zu.
Alle nicken.
Alle erkennen das Muster.
Zwei Eltern,
hoch emotional,
hoch engagiert,
hoch überzeugt,
und tief verstrickt.
Das nennt man dann hochstrittig.
Kein Vorwurf.
Ein Befund.
Und hochstrittig bedeutet nicht:
„Einer hat recht.“
Es bedeutet:
„Beide haben den Blick verloren.“
Das bittere Echo
Jahre später.
Jeremy ist älter.
Er stellt die eine Frage,
die kein Schriftsatz beantworten kann:
Warst du da?
Und Flynn spürt,
wie ihn genau dieser Satz trifft.
Wie ein Trigger.
Wie ein Urteil.
„Ich wollte ja“, sagt er.
„Aber ich konnte nicht.“
„Das System.“
„Die Mutter.“
„Die Umstände.“
Der Eigenanteil?
Schwierig.
Sehr schwierig.
Denn wer jahrelang Briefe geschrieben hat,
hat wenig Zeit, anwesend zu sein.
Schlussbild
Flynn glaubt noch immer,
dass alle anderen es falsch gemacht haben.
Anwälte.
Jugendamt.
Richter.
Er weiß es besser.
Hat er ja erlebt.
Die eigentliche Tragik:
Die eigentliche Tragik an Flynn ist nicht seine Brille. Nicht seine Schriftsätze. Nicht einmal seine Unnachgiebigkeit.
Die Tragik ist: Flynn war selbst im Heim.
Er weiß, wie es sich anfühlt, wenn beide Eltern verschwinden.
Nicht auf einmal, sondern schleichend.
Er kennt die leeren Wochenenden, die wechselnden Bezugspersonen, das Gefühl, verwaltet statt begleitet zu werden.
Und genau dieses alte Muster drückt heute alle Knöpfe gleichzeitig.
Es triggert ihn bis in den Kern.
Nicht rational, sondern archaisch.
Flynn kämpft nicht nur um Jeremy. Er kämpft um sein eigenes früheres Ich.
Und wer das tut, kämpft selten sauber. Paradoxerweise bringt ihn genau diese Motivation in Gefahr, das Muster zu wiederholen, das er so sehr hasst.
Denn je mehr er eskaliert, kontrolliert, dokumentiert und verteidigt, desto näher rückt das, wovor er panische Angst hat:
Kontaktverlust. Bedeutungsverlust.
Entscheidung über ihn statt mit ihm.
Das System erkennt keine Biografien. Es erkennt Dynamiken.
Und Dynamiken, die nach Wiederholung aussehen, werden irgendwann nicht mehr diskutiert, sondern beendet.
So steht Flynn am Rand eines Abgrunds, den er aus eigener Erfahrung kennt –und marschiert dennoch entschlossen darauf zu.
Nicht, weil er sein Kind nicht liebt. Sondern weil alte Wunden schlecht beraten, wenn sie das Steuer übernehmen.
Und wenn er nicht gestorben ist
oder bereits alles verloren hat,
so klagt er noch heute.
Mit Brille.
Mit Akten.
Mit der festen Überzeugung,
auf der richtigen Seite zu stehen.
Das Tragische daran:
Vielleicht tut er das sogar.
Nur leider nicht auf der Seite des Kindes.