Warum die Natur leise hustet, wenn wir mit Absolutheiten wedeln

Es gibt diese Sätze. Man kennt sie. Sie kommen sanft daher, tragen aber den Charme eines Betonblocks:
„Das Kind braucht jetzt vor allem Ruhe.“
„Die Bindung zur Mutter ist in dem Alter entscheidend.“
„Stillen – das geht halt nur bei ihr.“

Alles nicht falsch. Und gleichzeitig: wunderbar geeignet, um jede Diskussion elegant einzubetonieren. Die Natur hört zu, nickt höflich – und macht dann etwas völlig anderes.


Das Stillargument – Milch mit Exklusivvertrag

Ja. Biologisch korrekt: Stillen kann nur die Mutter. Punkt.
Biologisch nicht korrekt: Daraus folgt automatisch alles Weitere.

Denn Bindung ist kein Nebenprodukt von Milch. Sie entsteht durch Verlässlichkeit, Nähe, Wiederholung, Resonanz. Also durch das, was passiert, wenn das Stillen gerade nicht läuft.
Trösten. Einschlafen begleiten. Wach bleiben. Wieder da sein. Noch mal da sein. Und noch mal.

Das Seepferdchen-Männchen stillt übrigens auch nicht. Es ist trotzdem schwanger. Die Evolution hat kurz gerechnet und gesagt: „Passt.“


„Das Kind braucht Ruhe“ – am besten in Formaldehyd

Ruhe ist wichtig. Keine Frage.
Nur wird sie oft so definiert, als sei jede zweite Bezugsperson automatisch ein Erdbeben.

Die Natur sieht das entspannter. Beim Kaiserpinguin bleibt das Männchen monatelang allein mit dem Ei. Keine Mutter in Sicht, kein Stillen, keine „sanfte Übergabe“.
Und erstaunlich: Das Küken entwickelt keine Persönlichkeitsstörung, keinen Bindungsschaden und keine Angst vor männlichen Stimmen.

Ruhe entsteht nicht durch Abwesenheit eines Elternteils, sondern durch Vorhersehbarkeit.
Chaos ist nicht „Papa“, Chaos ist Unklarheit.


„Die Bindung zur Mutter ist nun mal stärker“

Ja. Oft. Vor allem am Anfang.
Aber Bindung ist kein Kuchen, bei dem ein größeres Stück automatisch das andere kleiner macht.

Die Natur verteilt Bindung wie ein Portfolio. Diversifikation senkt Risiken.
Beim Nandu kümmert sich ausschließlich das Männchen um die Küken. Die Mutter ist… sagen wir: strategisch ausgelagert.
Die Küken binden sich trotzdem. Intensiv. Stabil. Ohne Identitätskrise.

Bindung wächst dort, wo jemand bleibt, nicht dort, wo jemand theoretisch wichtiger ist.


„Zu viele Wechsel sind schlecht fürs Kind“

Auch beliebt. Gerne kombiniert mit ernster Miene.

Die Natur wechselt ständig. Schichten. Zuständigkeiten. Rollen.
Riesenwasserwanzen-Männchen tragen Eier offen auf dem Rücken. Wochenlang. Jeder Wechsel wäre riskanter als Kontinuität.
Das Kind – pardon: das Ei – lernt dabei vor allem eins: Da ist jemand. Immer.

Nicht der Wechsel schadet.
Schädlich ist das Abrupte, Unklare, Unberechenbare. Das emotionale WLAN mit Wackelkontakt.


Fazit mit zoologischem Augenzwinkern

Die typischen Argumente sind nicht böse. Sie sind nur… sehr menschlich.
Die Natur ist da weniger ideologisch und deutlich pragmatischer.

Sie fragt nicht:
„Wer darf?“
sondern:
„Wer kann – und bleibt zuverlässig da?“

Und irgendwo balanciert ein Kaiserpinguin sein Ei, ein Seepferdchen-Männchen misst den Sauerstoffgehalt im Brutbeutel, ein Nandu verteidigt seine Küken –
während wir noch diskutieren, ob Bindung möglicherweise exklusiv vermietet werden darf.

Die Evolution hat den Vertrag jedenfalls nicht unterschrieben.

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